Ricochet - Zarah - A Teartown Story (CD/2005)
Prog Metal - ProgRock Records/Just For Kicks
1996 mit „Among The Elements" haben RICOCHET ein vielversprechendes und hochgelobtes Debüt abgeliefert – und dann neun Jahre nichts mehr. Das Quintett hat die Zeit reichlich genutzt und die Skizze nahezu bis zur Perfektion ausgebaut. „Zarah – A Teartown Story" ist ein mutiges Konzept zu einem bedrückenden Thema: In einer Großstadt wird ein junges Mädchen missbraucht, die junge Frau ermordet den Täter und wird mit zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.
Höhepunkt der Tragödie ist der Suizid des Mädchens im Gefängnis. „Aber" erklärt Drummer Jan Keimer, aus dessen Feder das Konzept stammt, „am Ende ist es doch trotz aller Tragik und Entsetzen, auch die Erkenntnis, dass das Leben weitergeht, weitergehen kann, man die Hoffnung nie aufgeben darf." Ja, man kann es sich kaum vorstellen, aber es gelingt RICOCHET vortrefflich und ohne Kitsch in all der Beklemmung des Themas und der Musik auch den Funken Hoffnung auf das Weitergehen am Leben zu erhalten – wofür auch immer....
Musikalisch ziehen die Hamburger alle nur erdenklichen Register zwischen Progressive Metal, Epic Power Metal, Melodic Metal und herkömmlichem Hardrock. Die üblichen zitierten Verdächtigen Dream Theater, Yngwie Malmsteen, Threshold oder Kingdom Come sind es – und auch wieder überhaupt nicht. Gemeinsam ist ihnen allen, dass sie es immer wieder verstehen hervorragende, mitreißende, qualitativ hochwertige Musik zu machen. Ansonsten haben sich RICOCHET so große Eigenständigkeit erarbeitet, dass derartige Vergleiche etwas hinken. Zudem empfinde ich als sehr wohltuend, dass das Quintett auf überbordende Frickelorgien verzichtet und insgesamt sehr songorientiert und mit eingängigen Melodien arbeitet, ohne in AOR-typische Seichtheit abzudriften.
Schon der kurze Opener ‚Entering The Scene’ baut eine unheimliche Spannung auf und lässt das kommende Grauen ahnen, das mit dem Schrei am Ende grausige Gewissheit wird. ‚Teartown’ lebt ebenso wie ‚Caught In The Spotlight’ von den leicht bedrohlich klingenden tiefen Gitarrenriffs und den sehr eindringlich vorgetragenen Gedanken und Gefühlen von Sänger Christian Heise. Der Mann scheint ohnehin für jede Stimmung die richtige Tonlage und den richtigen Druck zu finden.
Das instrumentale ‚Disobedience’ strotzt geradezu vor Auflehnung, Hass und Verzweiflung. Die Aggressivität scheint körperlich spürbar und authentisch nachvollziehbar, nimmt zum Show-down die Züge einer Metal-Polka an. Balladen wie ‚Cincinatti Road’ gelingt der Spagat zwischen filigraner Zerbrechlichkeit und grimmiger Entschlossenheit. ‚Final Curtain’ – nichts trifft das Ende eindrucksvoller als Christian Heise mit Klavierbegleitung – La Morte. Das knapp 19minütige Prachtwerk ‚A New Days Rising’ entlässt den bis dato erschütterten Hörer letztendlich aber doch in eine Zukunft, die den Silberstreif am Horizont erblicken lässt. So grausam und banal es auch klingen mag – das Leben geht weiter, was auch geschehen ist. Die Hoffnung stirbt zuletzt!
„Zarah" lebt in erster Linie von den sehr eindringlichen, gut ausgearbeiteten Gitarrenlines Heiko Hollers und noch viel mehr von Sänger Christian Heise, ohne dessen enorm wandlungsfähige und ausdrucksstarke Stimme das Konzept wohl einiges an Intensität eingebüsst hätte. Doch ist selbstverständlich auch die Leistung von Björn Tieman (Keyboard, nahm mit Kingdom Come zwei Alben auf und tourte mit ihnen durch Europa), Jan Keimer (Drums) und Hans Strenge (Bass) zu würdigen, die das gelungene Script abrunden. Aus dem Querschläger ist ein Volltreffer geworden.
Tracklist:
01. Entering The Scene 2:54
02. Teartown 9:30
03. Disobedience 5:27
04. Silent Retriever 5:33
05. Cincinatti Road 10:59
06. Caught In The Spotlight 5:47
07. Final Curtain 5:46
08. The Red Line 7:44
09. A New Day's Rising 18:44
Gesamtspielzeit 72:24 Min.
Line Up:
Heiko Holler - Guitars
Christian Heise - Vocals, Lyrics
Björn Tiemann - Keyboards, Orchestration
Jan Keimer - Drums, Lyrics, Conception
Hans Strenge - Bass
Externe Links:
RicochetRicochet@myspace.com
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Just For Kicks