Beardfish - Sleeping In Traffic: Part One (CD/2007)

22.05.2007 | Musik | Keine Kommentare

Retro-Prog, Alternative - InsideOutMusic/SPV

BeardfishNach Pure Reason Revolution dreht sich mit „Sleeping In Traffic: Part One" von BEARDFISH ein weiterer Anwärter auf die Platte des Jahres in Sache Prog im Player. Die beiden vorangegangenen Eigenproduktionen der jungen Schweden sind mir bis jetzt leider unbekannterweise entgangen. Andererseits ist das eine gute Gelegenheit an diesen „offiziellen Erstling" in einer Art unverkrampfter Momentaufnahme ohne Vergleiche der Vorgängermodelle heranzugehen.

BEARDFISH – das ist lupenreiner Retro-Prog, der allerdings bei seinen Impulsgebern der ersten Prog-Ära nicht einfach schnöde abkupfert, sondern liebevoll mit seinen Vorbildern kokettiert. Deren Podeste entstehen jedoch nicht abschreibenderweise, sondern zeigen sich mehr als basischer Hintergrund in der Verwirklichung eigener Gegenwarts-Ideen des Schwedenquartetts, die nicht nur ausgesprochen kreativ, sondern auch handwerklich meisterlich ausgeführt wurden.

Die kurze Akkordeoneinleitung ist leicht irreführend, da zunächst der Eindruck entsteht versehentlich in die Weltmusik-Kiste gegriffen zu haben. ‚Sunrise’ ist erstaunlich nachdenklich und verhalten gestaltet. Ein sehr emotionaler Song im Wechsel mit leisen Gesangsparts und ordentlich kräftigen Orgel-Passagen wie sie an sich für die Band der 70-er Jahre typisch und unverzichtbar sind. Gegen Ende „eskaliert" der intensive Psychedelic-Jazz-Faktor und beamt den Hörer unversehens in eine Parallelwelt.

‚Afternoon Conversation’ ist eine Reminiszenz an frühe Genesis. Eindringlicher (manchmal leichter Anti)Gesang von Rikard Sjoblöm wie weiland ausgiebig von Peter Gabriel zelebriert. Romantische, verspielte Gitarren-Melodiebögen in wunderschönen Regenbogenfarben gemalt, geleitet nur von leiser Percussion durch die verträumten Wellen eines Nachmittags – einfach hinreißend und mit nur gut drei Minuten Spieldauer einfach viel zu kurz!

‚Roulette’ ist der einzige Longtrack auf dem Album. Das bedeutet rund zwölf Minuten grandiose Umsetzung eines Instrumentariums, das an Bands wie Camel und Supertramp (und ein klein wenig auch an Saga) erinnert, die jedoch durch den tangoesken Akkordeoneinsatz im hinteren Teil einiges an südländischem Flair einbringt. Gesang, der wie eine Mischung aus Peter Gabriel, Al Stewart und Phideaux klingt. Hier wird ein Gesamtkunstwerk geschaffen, das zwar keine Hoffnungslosigkeit, aber doch deutlich die melancholischen und nachdneklichen Züge von Paatos und Sigur Ròs trägt.

‚Dark Poet’ ist ein Stück akustische Genesis mit Mc Cartney-Attitüde. Manchmal erwartet man unwillkürlich, dass Sir Paul im Hintergrund ‚Let It Be’ anstimmt. Der Titel ‚Harmony’ scheint oberflächlich seinem Inhalt zu widersprechen. Psychedelisch, progressiv, ausgesprochen komplexe Gitarrenpassagen, geleitet vom mindestens ebenso komplexen und verspielten Keyboard. Da passt der Vergleich mit Gentle Giant durchaus sehr gut. Was den Gesang betrifft, behaupte ich aber felsenfest, dass Rikard Sjoblöm in Punkto Aufbau, Gestaltung und Dramaturgie auch sehr genau bei seinem Landsmann Daniel Gildenlöw (Pain Of Salvation) zugehört hat. Leichte Ähnlichkeiten zu ‚Dea Pecuniae’ lassen sich da gut ausmachen.

Ein herrlich unberechenbares, aber hochtechnisches Frickelwerk ist ‚The Ungodly Slob’, das vom akustischen Einstieg über funkigen Groove und Weltmusikflair bis hin zum zu technisch ausgeklügelten Gitarren und Keyboard-Parts etliche Ungewöhnlichkeiten bietet. ‚Year Of The Knife’ glänzt mit grandiosem Zusammenspiel der Tasten- und Saiteninstrumente in ungeraden Rhythmen, das seinen nahtlosen Übergang in die nachdenklich-traurige Kurzballade ‚Without You’ findet.

Überaus interessant ist der Einfluß des wandlungsfähigen Gesangs von Rikard Sjoblöm, der hier nach Peter Gabriel klingt, dort nach Sir Paul McCartney oder Al Stewart und dann wieder die zappaeske Seite der Musik auspackt. Nicht nur einmal habe ich mich gefragt ob das der Realität entspricht oder sich das Ohr einfach irreführen lässt in der Erinnerung an Passagen aus gewissen selbst liebend gerne gehörten „Olides".

Im Grunde ist das auch völlig unerheblich, denn was zählt ist der Gesamteindruck. Und da ist dem Schwedenvierer ein ausgesprochenes Kunstwerk gelungen, von dem sich alte Hasen und Landsmänner wie die Flower Kings gerne mal ein Stück Inspiration und vor allem Gefühl abschneiden dürften. BEARDFISH bringen in dieser ideenreichen, unverbrauchten Form endlich mal wieder richtig frischen Wind in die Szene. In ähnlicher Form taten das ja auch schon die Prog-Jung-Talente Liquid Scarlet, die sich aber nach dem Weggang von Sänger und „Schweden-sucht-den-Superstar"-Gewinner Markus Fagervall aufgelöst haben. Hoffen wir mal, dass Beardfish dieses Schicksal nicht widerfährt und sie diese Lücke dauerhaft ausfüllen werden. Teil zwei soll ja bald folgen.....

Tracklist:

01. On The Verge Of Sanity... 0:47
02. Sunrise 7:54
03. Afternoon Conversation 3:42
04. And Never Know 5:59
05. Roulette 12:07
06. Dark Poet 3:24
07. Harmony 7:20
08. The Ungodly Slob 6:42
09. Year Of The Knife 7:28
10. Without You 2:39
11. Same Old Song 7:51
Gesamtspielzeit: 65:57 Min.

Line Up:

Rikard Sjöblom - Vocals, Keyboards, Guitars, Clavinet, Percussion
David Zackrisson - Guitars
Robert Hansen - Bass
Magnus Östgren - Drums

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